Geranium

Wer zu spät kommt… – Ein Loblied auf Geranium und den richtigen Schnitttermin

Nein, dieser Storchschnabel gefiel der Kundin nicht. Er blühte ja nie. Während andere Storchschnäbel ihr den ganzen Mai und Juni mit blauen, violetten, rosa und weißen Blüten versüßt hatten, war diese Pflanze eine reine Enttäuschung. Auch der rechtzeitige Rückschnitt im Juli brachte keine Nachblüte hervor. Denn die Kundin war eine fleißige und aufmerksame Kundin. Sie hatte mir genau zugehört: „Schneiden Sie den Storchschnabel im Juli zurück. Der sieht sonst unordentlich aus, fällt auseinander, versamt sich unter Umständen sogar und überhaupt. Storchschnabel wird im Juli zurückgeschnitten.“ Das waren meine drastischen und simplen Anweisungen an die Gartenbesitzerin gewesen. Und daran hatte sie sich sklavisch gehalten.

Das schwarze Auge in der magentaroten Blüte ist bei der Geranium procurrens-Sorte 'Ann Folkard' bezaubernd und gibt einen schönen Kontrast zu den leicht gelbgrünen Blättern. Die Blüten sind nahezu identisch mit der dunkellaubigen Sorte `Anne Thomson´. (Bildnachweis: GMH/ Jörg Pfenningschmidt)

Frühjahr-, Sommer- und Herbstblüher

Meine schlichte Gebrauchsanleitung hatte nur leider nicht berücksichtigt, dass ich in diesen Garten auch Storchschnäbel gepflanzt hatte, die ihre Blüte im Juli nicht hinter sich, sondern erst vor sich haben. Kein Wunder also, das Geranium wlassovianum von der Kundin nicht geschätzt wurde. Er hatte dank meiner klaren Pflegeanweisung nie die Chance bekommen, seine violetten Blüten zu zeigen, die ohne Rückschnitt im Juli den ganzen Spätsommer und Herbst zu sehen gewesen wären. Das geht bei diesem Storchschnabel noch einher mit einer spektakulären Herbstfärbung des Laubes. Gleiches gilt auch für den Austrieb des Laubes im Frühling, denn Geranium wlassovianum erscheint mit rötlich-violetten Blättern. Diese ganzjährig schöne Staude passt gut in den Vordergrund einer Pflanzung. Zum Beispiel im Zusammenspiel mit weißem Kerzenknöterich, Pfeifengräsern und der alten, aber nach wie vor schönen Funkie Hosta plantanginea `Royal Standard´. Der Boden sollte dabei nicht zu trocken und auch nicht zu heftig gedüngt sein.

Völlig unverständlich finde ich, das kaum ein Gärtner Geranium yesoense var. nipponicum kennt und verwendet. Das ist nämlich auch einer von den spät blühenden und wunderschönen Storchschnäbeln. Die Blütenfarbe ist ein kräftiges Pink, das Laub ist fein geschlitzt und färbt sich ebenfalls orangerot im Herbst. In meinem Garten steht sie zu Füßen von Gillenia trifoliata, der Dreiblattspiere. Sie benutzt diese als Rankhilfe und schmückt sie zur Verwirrung aller Betrachter mit einer späten zweiten Blüte.

Dauerblüher!

Ein anderer Storchschnabel mit später Blüte muss nicht mehr vorgestellt werden. Geranium wallichianum `Rozanne´ bzw. `Jolly Bee´ so der alte Sortenname, ist ein vielseitiger Dauerblüher und so unkompliziert, das er schon fast zum Albtraum eines Pflanzplaners wird. Denn sie macht uns arbeitslos. Man muss über Stauden nichts wissen, man muss nicht viel tun, man verwende nur viele Geranium `Rozanne´ und sofort sieht eine Pflanzung ansehnlich aus. Aber auf Dauer ist immer ein und derselbe Storchschnabel, mag er auch noch so gut sein, doch arg langweilig. Zumal es so gute Alternativen gibt.

Zum Beispiel der wundervolle Storchschnabel Geranium procurrens `Anne Thomson´. Eine kräftig rankende Storchschnabel- Hybride, die auffallend magentarote Blüten mit schwarzem Auge hat. `Anne Thomson´ braucht Platz im Beet. Sie „durchwebt“ mit ihren langen Trieben gut und gerne einen Quadratmeter Platz, ohne dabei zu wuchern (wuchern würde bedeuten, dass sie wurzelnde Ausläufer oder Absenker macht). In meinem Garten erklimmt sie die untersten Etagen eines Duft-Schneeballs und schafft mit ihren leuchtend violettroten Blüten grandiose Farbkontraste zu goldfarbigen Gräsern wie Deschampsia cespitosa `Tardiflora´. Das Gerücht, das dieser Storchschnabel aufgrund eines nicht winterharten Elternteils Probleme mit Kälte und Schnee in unseren Breiten hat, kann ich nicht bestätigen.

Wer zu spät kommt den bestraft das Leben, hat uns Michail Gorbatschow gelehrt. Und damit offenbart, dass er von Storchschnäbeln keine Ahnung hat. Als Gärtner entgegnen wir ihm: Wer zu früh blüht, der braucht einen Rückschnitt. Und wer spät blüht, den lassen wir in Ruhe und freuen uns dann umso mehr.